Pho­to­vol­ta­ik­an­la­gen im Post-EEG-Zeit­al­ter: Per­spek­ti­ven für Anla­gen­be­trei­ber und Chan­cen für Ener­gie­ver­sor­ger

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Bereits in weni­gen Jah­ren läuft für die ers­ten Pho­to­vol­ta­ik­an­la­gen die im EEG für 20 Jah­re garan­tier­te Ein­spei­se­ver­gü­tung aus. Ein Wei­ter­be­trieb ist in den meis­ten Fäl­len zwar tech­nisch mög­lich, jedoch stellt sich für die Anla­gen­be­trei­ber die Fra­ge nach einem wirt­schaft­li­chen Nut­zungs­kon­zept. Ins­be­son­de­re für Ener­gie­ver­sor­gungs­un­ter­neh­men bie­tet sich die Mög­lich­keit, in einen noch wei­test­ge­hend unbe­setz­ten Markt mit lukra­ti­ven Aus­sich­ten ein­zu­tre­ten.

Erschie­nen in: e|m|w (Energie.Markt.Wettbewerb) Aus­ga­be 1/2019

Im Jahr 2021 sind neben ca. 6.000 Wind­kraft­an­la­gen auch rund 10.000 Foto­vol­ta­ik­an­la­gen (PV-Anla­gen) vom Aus­lau­fen der 20-jäh­ri­gen fixen Ein­spei­se­ver­gü­tung gemäß EEG betrof­fen. Wie die Abbil­dung ver­deut­licht, steigt die­se Zahl in den Fol­ge­jah­ren stark an und nimmt ab 2025 mit wach­sen­der Dym­na­mik zu. Es kann davon aus­ge­gan­gen wer­den, dass für die meis­ten PV-Anla­gen aus tech­ni­scher Sicht ein Wei­ter­be­trieb über die dann erreich­ten 20 Betriebs­jah­re hin­aus mög­lich ist. Auch von recht­li­cher Sei­te her ist ein Wei­ter­be­trieb ohne wei­te­re Hür­den rea­li­sier­bar, da es sich auch nach Ende des Ver­gü­tungs­zeit­raums wei­ter­hin um eine „Anla­ge gemäß EEG“ han­delt, was den Netz­an­schluss und eine vor­ran­gi­ge Strom­ab­nah­me für den Anla­gen­be­trei­ber garan­tiert. Aus volks­wirt­schaft­li­cher und öko­lo­gi­scher Per­spek­ti­ve ist ein Wei­ter­be­trieb der Alt-Anla­gen eben­so erstre­bens­wert. Gera­de in Hin­blick auf die ehr­gei­zi­gen Aus­bau­zie­le der Bun­des­re­gie­rung und das lang­fris­ti­ge Ziel, ein auf rege­ne­ra­ti­ven Ener­gie­quel­len basie­ren­des Ener­gie­sys­tem zu rea­li­sie­ren, soll­te ein früh­zei­ti­ger Anla­gen­rück­bau ver­mie­den wer­den. Jedoch ist Alt-Anla­gen­be­sit­zern der­zeit noch kein staat­li­ches Ange­bot in Aus­sicht gestellt wor­den. Die Ent­schei­dung für oder gegen den Wei­ter­be­trieb der Alt-Anla­gen hängt maß­geb­lich von der Wirt­schaft­lich­keit ab. Daher stellt sich die Fra­ge nach den Hand­lungs­op­tio­nen und mög­li­chen Ange­bo­ten im frei­en Markt.

Ent­wick­lung der Anzahl und Grö­ße von PV-Anla­gen mit aus­lau­fen­der EEG-Ver­gü­tung. Quel­le: E3DC, BSW-Solar, BNetzA

Im Gegen­satz zu Wind­kraft­an­la­gen, die oft­mals als Wind­parks mit einer Leis­tung von eini­gen MW instal­liert wur­den, han­delt es sich bei den PV-Anla­gen der frü­hen 2000er in der gro­ßen Mehr­zahl um klei­ne Auf­dach­an­la­gen mit einer instal­lier­ten Leis­tung von nur weni­gen kWp. Auf­grund der gerin­gen Anla­gen­grö­ße sind Power-Purcha­se-Agree­ments (PPAs), wie sie momen­tan für Wind­kraft­an­la­gen dis­ku­tiert wer­den, für PV-Anla­gen häu­fig kei­ne Opti­on zum Wei­ter­be­trieb nach Aus­lau­fen der EEG-Ver­gü­tung. Auch in der Finan­zie­rungs­struk­tur von PV-Anla­gen zei­gen sich wesent­li­che Unter­schie­de zu Wind­kraft­an­la­gen. Wäh­rend letz­te­re mehr­heit­lich von pro­fes­sio­nel­len Inves­to­ren und Bür­ger­ge­nos­sen­schaf­ten als lang­fris­ti­ge Finanz­an­la­ge errich­tet wur­den, han­delt es sich bei den PV-Anla­gen in der Regel um klei­ne Ein­zel­in­vest­ments, die häu­fig auch aus öko­lo­gi­schen Idea­len instal­liert wur­den. Auf der ande­ren Sei­te bie­tet die räum­li­che Nähe zwi­schen Anla­gen und Haus­hal­ten zusätz­li­che Mög­lich­kei­ten zur Wei­ter­nut­zung der Alt-PV-Anla­gen.

Netz­ein­spei­sung und Direkt­ver­mark­tung

Ein nahe­lie­gen­des Nut­zungs­kon­zept der PV-Anla­gen nach Ablauf der fixen Ein­spei­se­ver­gü­tung ist eine voll­stän­di­ge Ein­spei­sung des erzeug­ten Stroms ins öffent­li­che Strom­netz. Tech­nisch wür­de sich für die Betrei­ber qua­si nichts ändern, wobei die Ver­gü­tungs­struk­tur bis­lang noch unklar ist. Der­zeit ist davon aus­zu­ge­hen, dass es von staat­li­cher Sei­te kein Abnah­me­an­ge­bot für den erzeug­ten Solar­strom geben wird. Nach den heu­ti­gen gesetz­li­chen Rah­men­be­din­gun­gen könn­ten die Anla­gen­be­trei­ber zumin­dest eine gerin­ge Aus­zah­lung ver­lan­gen, die den durch die Ein­spei­sung auf nie­de­rer Span­nungs­ebe­ne ver­mie­de­nen Netz­ent­gel­ten gegen­über vor­ge­la­ger­ten Span­nungs­ebe­nen ent­spricht. Für die Gel­tungs­ma­chung die­ser Ansprü­che müss­te sich aller­dings erst noch eine Vor­ge­hens­wei­se eta­blie­ren, die den büro­kra­ti­schen Auf­wand für die Anla­gen­be­trei­ber kom­pen­siert. Alter­na­tiv ist die Ver­mark­tung des Stroms durch den Anla­gen­be­trei­ber selbst oder durch einen Dritt­an­bie­ter an der Bör­se mög­lich. Auf­grund der nur gerin­gen abso­lu­ten Erzeu­gungs­men­gen und Erlö­se ist für Betrei­ber klei­ner Anla­gen in vie­len Fäl­len der admi­nis­tra­ti­ve Auf­wand für eine Bör­sen­ver­mark­tung jedoch nicht gerecht­fer­tigt. Da Effek­te wie die hohe Gleich­zei­tig­keit der Erzeu­gung von PV-Anla­gen dar­über hin­aus dazu füh­ren, dass der erziel­te Preis unter dem mitt­le­ren Bör­sen­preis zu erwar­ten ist, wer­den die Erlö­se aus einer Direkt­ver­mark­tung häu­fig nicht aus­rei­chen, um die Kos­ten für den Wei­ter­be­trieb zu decken. Zu die­sen zäh­len die War­tungs- und Ver­si­che­rungs­ver­trä­ge für die Anla­ge sowie die Kos­ten für den Zäh­ler, der als Mess­ein­rich­tung für die Erfas­sung des netz­ein­ge­speis­ten Stroms not­wen­dig ist. Hin­zu­kom­mend muss etwa alle zehn Jah­re mit einem ver­schleiß­be­ding­ten Aus­tausch des Wech­sel­rich­ters gerech­net wer­den.

Umstel­lung auf Eigen­ver­brauch

Eine wei­te­re Mög­lich­keit zur Nut­zung der Alt-PV-Anla­ge ist eine Umstel­lung auf Eigen­ver­brauch. Dabei wird über­schüs­si­ger Strom, der nicht selbst ver­braucht wer­den kann, ins öffent­li­che Netz ein­ge­speist. Die Erlö­se durch Eigen­ver­brauch zei­gen sich in den ein­ge­spar­ten Aus­ga­ben für einen Fremd­strom­be­zug, da bei Eigen­ver­brauch kei­ne Netz­nut­zung statt­fin­det und somit kei­ner­lei Steu­ern, Abga­ben, Netz­ent­gel­te und Umla­gen (bis auf eine redu­zier­te EEG-Umla­ge bei Anla­gen >10 kWp) zu ent­rich­ten sind. Typi­scher­wei­se kön­nen durch die Umstel­lung auf Eigen­ver­brauch 40 Pro­zent des Haus­halts­strom­be­darfs gedeckt wer­den. Die Instal­la­ti­on eines Bat­te­rie­spei­chers bie­tet die Mög­lich­keit, den zeit­li­chen Ver­satz zwi­schen Strom­pro­duk­ti­on und ‑ver­brauch aus­zu­glei­chen und den Eigen­ver­sor­gungs­grad auf ca. 60 Pro­zent zu erhö­hen. Da eine Umstel­lung auf Eigen­ver­brauch auf­grund der ört­li­chen Gege­ben­hei­ten oder ander­wei­ti­gen Grün­den nicht für alle Anla­gen­be­trei­ber in Fra­ge kommt und, wie vor­an­ge­hend beschrie­ben, eine direk­te Bör­sen­ver­mark­tung des erzeug­ten Stroms häu­fig nicht wirt­schaft­lich ist, besteht der Bedarf nach alter­na­ti­ven, gebün­del­ten und durch Drit­te betrie­be­nen Ver­mark­tungs­an­ge­bo­ten.

Cloud-Model­le und Com­mu­ni­ty-Lösun­gen

Bei der Umstel­lung auf Eigen­ver­brauch erge­ben sich wei­te­re Nut­zungs­kon­zep­te für Alt-PV-Anla­gen. Ein sol­ches Modell stel­len Cloud­lö­sun­gen dar. Aus Sicht der Anla­gen­be­trei­ber ist die „Solar-Cloud“ als vir­tu­el­le Alter­na­ti­ve oder Ergän­zung zum Bat­te­rie­spei­cher zu betrach­ten. Für die Nut­zung der Cloud fällt übli­cher­wei­se eine monat­li­che fixe Grund­ge­bühr an. Wird über das Jahr hin­weg vom Anla­gen­be­trei­ber mehr Strom ver­braucht als selbst erzeug­ter Strom in der Cloud gespei­chert wur­de, so fällt für die­sen Strom zusätz­lich zur Grund­ge­bühr meist ein über­durch­schnitt­lich hoher Strom­preis an. Ent­spre­chend ist das Cloud­spei­cher-Modell nur für Betrei­ber einer ent­spre­chend gro­ßen Anla­ge loh­nens­wert. Ein wei­te­res Kon­zept, das auf Bat­te­rie­spei­chern ansetzt, sind Com­mu­ni­ty-Lösun­gen. Die intel­li­gen­te Ver­net­zung einer Viel­zahl an Bat­te­rie­spei­chern zu einer vir­tu­el­len Spei­cher­ein­heit ermög­licht es Anla­gen­be­trei­bern, ihren Eigen­ver­sor­gungs­grad wei­ter zu erhö­hen und hier­durch zusätz­lich das Strom­netz zu ent­las­ten und regio­na­le Erzeu­gungs­un­ter­schie­de aus­zu­glei­chen.

Alter­na­ti­ve Ver­mark­tungs­mög­lich­kei­ten

Auch für Alt-Anla­gen­be­trei­ber, die ihren selbst erzeug­ten Strom nicht selbst ver­brau­che wol­len, gibt es Ange­bo­te. Zum einen besteht die Mög­lich­keit der Zer­ti­fi­zie­rung des erzeug­ten Stroms als Grün­strom, wodurch eine höher­prei­si­ge Ver­äu­ße­rung ermög­licht wird. Ana­log zu PPAs wer­den Grün­strom­zer­ti­fi­zie­run­gen aller­dings bis­lang eher für gro­ße Erzeu­gungs­an­la­gen ange­bo­ten. Attrak­ti­ve Model­le für PV-Anla­gen­be­trei­ber fin­den sich hin­ge­gen in der Regio­nal­strom­ver­mark­tung. Digi­ta­le Platt­for­men ermög­li­chen den Echt­zeit-Strom­han­del zwi­schen Erzeu­gern und Ver­brau­chern (Peer-to-Peer) mit exak­ter Abrech­nung. Wesent­li­che Grund­la­ge stellt hier­bei die Block­chain-Tech­no­lo­gie dar, die den Markt­ak­teu­ren einen direk­ten Zugang zuein­an­der ver­schafft und zen­tra­le Instan­zen wie Bör­sen oder Bro­ker über­flüs­sig macht. Um am Peer-to-Peer-Han­del teil­zu­neh­men, ist für die kor­rek­te Abrech­nung von erzeug­ten und ver­brauch­ten Strom­men­gen ein intel­li­gen­tes Mess­sys­tem not­wen­dig. Durch die nach­weis­ba­re Regio­na­li­tät und den direk­ten Strom­han­del kann ein Prei­s­pre­mi­um erzielt wer­den, das den Betrei­bern der Anla­gen höhe­re Erlö­se als bei direk­ter Bör­sen­ver­mark­tung ermög­licht.

Chan­cen für Ener­gie­ver­sor­ger

Nicht nur Alt-Anla­gen­be­sit­zer soll­ten sich mit alter­na­ti­ven Nut­zungs­kon­zep­ten für einen mög­li­chen Wei­ter­be­treib aus­ein­an­der­set­zen. Um Alt-EEG-Anla­gen ent­steht bereits heu­te ein neu­er, noch in gro­ßen Tei­len unbe­setz­ter Markt, der sich in den fol­gen­den Jah­ren noch stark ver­grö­ßern wird. Für Ener­gie­ver­sor­gungs­un­ter­neh­men stellt das Aus­lau­fen der EEG-Ver­gü­tung und die damit ver­bun­de­ne Suche der Anla­gen­be­trei­ber nach neu­en Nut­zungs­kon­zep­ten eine gro­ße Chan­ce dar, den Anla­gen­be­trei­bern eine struk­tu­rier­te tech­nisch-wirt­schaft­li­che Ori­en­tie­rungs­hil­fe zu geben und dar­auf auf­bau­end ein attrak­ti­ves, gebün­del­tes Ver­mark­tungs­mo­dell anzu­bie­ten. Hier­durch ent­ste­hen nicht nur Kon­takt­punk­te zu neu­en Kun­den und ein damit ver­bun­de­nes Cross-Sel­ling-Poten­zi­al für wei­te­re Pro­duk­te. Auf­grund ste­tig sin­ken­der För­der­sät­ze für neue EE-Anla­gen sind alter­na­ti­ve Ver­mark­tungs­mo­del­le auch für Neu­an­la­gen eine inter­es­san­te Opti­on. Auch in Hin­blick auf die zuneh­men­de Unab­hän­gig­keit von End­ver­brau­chern durch die Umset­zung von Eigen­ver­sor­gungs­kon­zep­ten und den damit ver­bun­de­nen abneh­men­den Strom­ab­satz­men­gen ist es für Ener­gie­ver­sor­ger sinn­voll, sich den Fra­ge­stel­lun­gen eines Ange­bots für Alt-Anla­gen zu stel­len. Hier­durch bie­tet sich auch die Mög­lich­keit, Berüh­rungs­punk­te zu den End­kun­den zu wah­ren und sogar Neu­kun­den zu gewin­nen.

Stefan Pisula

Stefan Pisula

Berater
con|energy unternehmensberatung
pisula@conenergy.com

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