The new nor­mal im Stadt­wer­ke-Ver­trieb” — Mög­li­che Per­spek­ti­ven „nach“ Coro­na

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Noch mit­ten in der Coro­na-Kri­se soll­ten sich Stadt­wer­ke Gedan­ken machen, inwie­weit sie dar­aus resul­tie­ren­de Ent­wick­lun­gen in zukünf­ti­gen Ver­triebs­an­sät­zen berück­sich­ti­gen wol­len, auch um eine resi­li­en­te Auf­stel­lung für eine erfolg­rei­che Zukunft zu erzie­len.

Erschie­nen in: e|m|w (Energie.Markt.Wettbewerb) Aus­ga­be 4/2020 (www.emw-online.de)

Stra­te­gie­pro­jek­te der con|energy unter­neh­mens­be­ra­tung begin­nen in der Regel mit einem Blick auf die Zukunft. Die­se wird beein­flusst durch Ent­wick­lun­gen im Mikro­um­feld (Wett­be­werb und Kun­den im Stadt­wer­ke­um­feld, Anteils­eig­ner etc.) und im Mak­ro­um­feld (Poli­tik, Recht/Regulierung, Tech­no­lo­gie, Öko­no­mie, Öko­lo­gie, Sozio-Demo­gra­phie etc.). Hin­zu kom­men Mega­trends wie „Indi­vi­dua­li­sie­rung“, „Kon­nek­ti­vi­tät“ oder „Mobi­li­tät“, die man lt. Zukunfts­in­sti­tut nicht vor­aus­sa­gen muss, da sie bereits da sind. Sie mar­kie­ren Ver­än­de­run­gen, die sowohl den ein­zel­nen Men­schen, aber auch die Gesell­schaft als Gan­zes schon lan­ge prä­gen und über Jahr­zehn­te noch prä­gen wer­den – lang­sam, dafür aber grund­le­gend und lang­fris­tig. 

 

Ein­fluss­s­fak­to­ren aus dem Markro- und Mikro­um­feld eines Stadt­werks

 

Stra­te­gien müs­sen sich an der Zukunft mes­sen las­sen

Das Wis­sen, wie sich der Markt und das eige­ne Umfeld in Zukunft ent­wi­ckeln wer­den, ist essen­zi­ell für den zukünf­ti­gen Erfolg. Nur mit einem sol­chen, opti­ma­ler­wei­se von allen Mit­ar­bei­ten­den getra­ge­nen Bild der Zukunft kann ein Stadt­werk heu­te begin­nen, ziel­ge­rich­tet auf die Erfül­lung kom­men­der Anfor­de­run­gen hin­zu­ar­bei­ten und sich erge­ben­de Chan­cen zu nut­zen sowie Risi­ken hand­hab­bar zu machen. Dabei ist die Unsi­cher­heit einer Vor­aus­sa­ge umso grö­ßer, je wei­ter man nach vor­ne schaut. So wird immer von einem „sehr wahr­schein­li­chen“ Bild der Zukunft gespro­chen. Sinn­vol­ler­wei­se wer­den daher neben einem „Trend­sze­na­rio“ auch „Alter­na­tiv­sze­na­ri­en“ abge­lei­tet, die aus Sicht der Teil­neh­men­den weni­ger wahr­schein­lich, aber immer noch denk­bar und somit zumin­dest im Erwar­tungs­ho­ri­zont sind. Die iden­ti­fi­zier­ten Ein­fluss­fak­to­ren kön­nen so regel­mä­ßig hin­sicht­lich ihres tat­säch­li­chen Ein­tref­fens über­prüft und Maß­nah­men bei Bedarf ange­passt wer­den.

Dabei zeich­net jedes Stadt­werk ein zumin­dest in Tei­len ande­res Bild von ihrer „wahr­schein­lichs­ten Zukunft“. Die an der Erar­bei­tung betei­lig­ten Teams  bewer­ten sowohl die Ein­fluss­fak­to­ren als auch deren Aus­prä­gung unter­schied­lich. Und nicht jeder hält alle Fak­to­ren für sein Haus rele­vant bzw. sieht Ent­wick­lun­gen weni­ger posi­tiv als ande­re. Wel­che stra­te­gi­schen Ansät­ze ein Stadt­werk dann im nächs­ten Schritt aus die­sem Wis­sen um sei­ne Zukunft ablei­tet ist eben­falls wie­der von Stadt­werk zu Stadt­werk ver­schie­den. Dies hängt unter ande­rem ab von indi­vi­du­el­len Stär­ken, Schwä­chen, Affi­ni­tä­ten und unter­neh­me­ri­schen Ent­schei­dun­gen.

Prä-Coro­na: Zukunfts­bild und stra­te­gi­sche Ansät­ze

Vor Coro­na haben sich vie­le Stadt­wer­ke auf­grund der abseh­ba­ren Ent­wick­lun­gen, bei­spiels­wei­se rund um Mega­trends wie Kon­nek­ti­vi­tät oder Indi­vi­dua­li­sie­rung, des tech­no­lo­gi­schen Fort­schritts sowie der Bedar­fe von Kun­den und Mit­ar­bei­ten­den und in Abgleich mit den eige­nen Stär­ken und Schwä­chen ent­schie­den, die in der Regel bereits begon­ne­ne digi­ta­le Trans­for­ma­ti­on wei­ter zu for­cie­ren – mehr oder weni­ger inten­siv. Auf Basis von spar­ten­über­grei­fend nutz­bar gemach­ten Infor­ma­tio­nen, die eine 360-Grad-Sicht auf den Kun­den ermög­li­chen und Mar­ke­ting-Auto­ma­ti­sa­ti­ons­lö­sun­gen, die die­se ver­wert­bar machen, las­sen sich bei­spiels­wei­se Ange­bo­te und Ser­vices indi­vi­dua­li­sie­ren. Mit­hil­fe von „Pre­dic­ti­ve Analytics“-Lösungen sol­len Kun­den­wech­sel ver­mie­den und ‑bedar­fe für Cross- oder Upsel­ling iden­ti­fi­ziert wer­den.

Durch die Anwen­dung von Algo­rith­men auf Ereig­nis­se oder zukünf­ti­ge Ver­än­de­run­gen kann in Echt­zeit reagiert wer­den. Digi­ta­le Platt­for­men wer­den geplant, über die eige­ne, aber auch Leis­tun­gen von Part­nern ver­trie­ben und abge­wi­ckelt wer­den sol­len. Nach innen gerich­tet sor­gen auto­ma­ti­sier­te Pro­zes­se für mehr Effi­zi­enz und Erleich­te­run­gen für Mit­ar­bei­ten­de und machen Wachs­tum mög­lich. Auf der ande­ren Sei­te wur­den digi­ta­le Tech­no­lo­gien im Rah­men der Kom­mu­ni­ka­ti­on mit Kun­den, Part­nern oder Kol­le­gen im Home­of­fice oft­mals noch eher skep­tisch gese­hen.

Oft­mals wur­den auf Basis der abge­lei­te­ten stra­te­gi­schen Ansät­ze zudem struk­tu­rel­le Anpas­sun­gen vor­ge­nom­men bezie­hungs­wei­se beschlos­sen: So hat Agi­li­tät Ein­zug in man­ches Stadt­werk gehal­ten mit dem Ziel, sich immer wie­der fle­xi­bel an den sich dyna­misch ver­än­dern­den Rah­men­be­din­gun­gen im Umfeld aus­rich­ten zu kön­nen. Nur Stadt­wer­ke, die mit anpas­sungs­fä­hi­gen Orga­ni­sa­ti­ons­mo­del­len und schnel­len Reak­ti­ons­zei­ten auf­war­ten kön­nen, dürf­ten das Poten­zi­al haben, lang­fris­tig erfolg­reich im Wett­be­werb bestehen zu kön­nen.

Post-Coro­na: Pro­zess­ver­stär­ker

Und nun ist da Coro­na. Eine Umfra­ge von ener­ga­te im April 2020 unter Lesern in Deutsch­land, Öster­reich und der Schweiz hat erge­ben, dass jeder zwei­te Umfra­ge­teil­neh­mer davon aus­geht, dass es bei Ener­gie­un­ter­neh­men in Fol­ge der Coro­na­kri­se zu Liqui­di­täts­eng­päs­sen und in ein­zel­nen Fäl­len sogar zu Insol­ven­zen kom­men wird. Als Ursa­che dafür nen­nen die Befrag­ten vor allem Zah­lungs­aus­fäl­le und Raten­zah­lun­gen durch eine Viel­zahl von Kun­den. Ins­be­son­de­re für klei­ne­re und mitt­le­re Ver­sor­ger stei­gen dadurch die finan­zi­el­len Risi­ken. Mehr denn je ist also unter­neh­me­ri­sche Vor­aus­sicht gefragt, um knap­per wer­den­de finan­zi­el­le Mit­tel – auch sei­tens der Kom­mu­nen – für die „rich­ti­gen Din­ge“ ein­set­zen zu kön­nen.

Was nach wie vor – bezie­hungs­wei­se mehr denn je – die Beschäf­ti­gung mit der eige­nen Zukunft und die Bil­dung von Sze­na­ri­en not­wen­dig macht. Zukunfts­for­scher Mat­thi­as Horx bekräf­tigt in sei­nem Bei­trag „Big Coro­na Shift“ (in: Die Welt nach Coro­na, hrsg. v. Zukunfts­in­sti­tut, 2020, S. 8), dass die Coro­na­pan­de­mie als Kri­se bezeich­net wer­den kann, die erst dann vor­bei ist, wenn man gelernt hat, die ent­ste­hen­de Welt mit den Augen der Zukunft zu sehen.

Sehen die­se Sze­na­ri­en anders aus als vor Coro­na? Haben sich das oben geschil­der­te Prä-Coro­na-Zukunfts­bild und die dar­aus ent­stan­de­nen Ansät­ze über­holt? Ja und Nein. Durch Coro­na beschleu­ni­gen sich laut Horx unter ande­rem Pro­zes­se, die bereits im Gan­ge waren und auf einen Tip­ping Point zulie­fen. Eine „Tie­fen­kri­se“ wie die Coro­na­pan­de­mie bewir­ke umfas­sen­de Ver­än­de­run­gen, die auch danach über län­ge­re Zeit erhal­ten blei­ben – oder einen län­ge­ren Pro­zess des Wan­dels aus­lö­sen. So sol­len vie­le Men­schen eine neue Form der Selbst­wirk­sam­keit erfah­ren haben, dank der sie in der Lage waren, ihr ver­än­der­tes Leben im Lock­down zu bewäl­ti­gen und sich nun die Fra­ge stel­len: Wie wol­len wir in Zukunft leben?

Aus­wir­kun­gen auf den Stadt­wer­ke-Ver­trieb

Auch ein Stadt­werk soll­te sich Fra­gen stel­len wie: Was kann unser Bei­trag sein, um die­ser Kri­se zu begeg­nen? Wer­den wir mit unse­rer aktu­el­len Auf­stel­lung, die aus Prä-Coro­na-Sze­na­rio­ana­ly­sen her­vor­ge­gan­gen ist, den Ansprü­chen unse­rer Kun­den und Mit­ar­bei­ten­den lang­fris­tig gerecht? Was ist mit unse­ren eige­nen Ansprü­chen und Wer­ten, müs­sen wir die­se über­den­ken? Wie wol­len wir in Zukunft agie­ren?

Schon vor Coro­na waren die Ver­trie­be, die auf sich erge­ben­de Chan­cen oder Risi­ken aus dem sich ver­än­dern­den Umfeld schnell reagiert haben, im Vor­teil. Wur­den die­se nicht ergrif­fen bezie­hungs­wei­se nicht erkannt, war dies aller­dings nicht zwin­gend exis­tenz­be­dro­hend. Die Kri­se hat nun zum einen gezeigt, dass es auch im Ver­trieb risi­ko­rei­che Situa­tio­nen gibt, die auf jeden Fall einer Reak­ti­on bedür­fen – und das sehr schnell. Zum ande­ren eröff­net sie Chan­cen für Stadt­wer­ke, ihren eige­nen Wir­kungs­kreis so aus­zu­ge­stal­ten, dass Kun­den und sons­ti­ge Anspruchs­grup­pen dar­in in Zukunft leben wol­len.

Schub für die Digi­ta­li­sie­rung in Ver­trieb und Kun­den­ser­vice

Offen­sicht­lich dürf­ten die Aus­wir­kun­gen von Coro­na auf die Digi­ta­li­sie­rung von Ange­bo­ten und Pro­zes­sen sein. In der Tat sind sich die Befrag­ten der oben genann­ten ener­ga­te-Umfra­ge einig, dass die momen­ta­ne Situa­ti­on der Digi­ta­li­sie­rung der Unter­neh­men einen nach­hal­ti­gen Schub geben wird. Über 80 Pro­zent sind der Mei­nung, dass die Ener­gie­un­ter­neh­men nach der Kri­se digi­ta­ler sein wer­den als vor­her. Home­of­fice und Online­kon­fe­ren­zen wer­den der Bran­che erhal­ten blei­ben. Das lie­ge dar­an, dass Mit­ar­bei­ten­de die ana­lo­gen Struk­tu­ren in den Unter­neh­men kri­ti­scher hin­ter­fra­gen wer­den. Zudem sei damit zu rech­nen, dass die Unter­neh­men ihre Inves­ti­tio­nen in die Kom­mu­ni­ka­ti­ons­in­fra­struk­tur und die Digi­ta­li­sie­rung aus­bau­en. Damit dürf­te das oben beschrie­be­ne Prä-Coro­na-Bild bekräf­tigt bezie­hungs­wei­se sogar beschleu­nigt wer­den.

Ver­trieb und Kun­den­ser­vice waren in jeder Pha­se der Coro­na­pan­de­mie ansprech­bar – in den meis­ten Fäl­len aus dem Home­of­fice und ohne den vor Ort-Kun­den­kon­takt im eige­nen Ser­vice­cen­ter. Viel­mehr waren Tele­fon, E‑Mail, Web­site oder die sozia­len Medi­en Anlauf­stel­len für die Kun­den. Um dies sowie die inter­ne Kom­mu­ni­ka­ti­on der Teams unter­ein­an­der sicher­zu­stel­len, war die IT in der Lage, ent­spre­chen­de Hard- und Soft­ware schnell breit­flä­chig aus­zu­rol­len – und hun­der­te von Mit­ar­bei­ten­den ent­spre­chend zu schu­len. Mit­ar­bei­ten­de haben in der Kri­se also den Nut­zen einer Digi­ta­li­sie­rung im All­tag erlebt – und in wei­ten Tei­len wohl auch akzep­tiert.

Dabei lief sicher nicht immer alles feh­ler­frei, denn vie­le digi­ta­le Ange­bo­te sind „auf die Schnel­le“ ent­stan­den. Aber: Es wur­de gehol­fen – zudem noch kon­takt­los – und auch die meis­ten Kun­den haben die­se Leis­tung in der Kri­sen­zeit hono­riert. Hier heißt es aber nun, sich pro­fes­sio­nel­ler auf­zu­stel­len und zum Bei­spiel Pro­zes­se kon­se­quent dahin­ge­hend zu opti­mie­ren, dass sie auto­ma­ti­siert und ohne Medi­en­brü­che effi­zi­ent ablau­fen und dazu bei­tra­gen, eine voll­ends posi­ti­ve Cus­to­mer Expe­ri­ence zu schaf­fen. Sicher­lich gab es die­sen Anspruch auch bereits vor Coro­na, aber die Dring­lich­keit der Umset­zung schien oft­mals im Ver­gleich mit ande­ren, eben­falls IT-getrie­be­nen Pro­jek­ten, nicht hoch genug.

Auch in den Kun­den­cen­tern selbst erge­ben sich zukünf­tig neue und aus Kun­den­sicht nach­voll­zieh­ba­re Ansät­ze zur Digi­ta­li­sie­rung: Hohe Hygie­ne­stan­dards und Social Distancing spre­chen dafür, die Abläu­fe vor Ort kon­takt- und bar­geld­los zu gestal­ten. Das bedeu­tet auch, Papier und vor allem den noch oft­mals geteil­ten Kugel­schrei­ber aus den Ser­vice­cen­tern zu ver­ban­nen und durch digi­ta­le For­mu­lar- und Unter­schrifts­lö­sun­gen zu erset­zen. War­te­zei­ten las­sen sich durch vor­he­ri­ge Online-Ter­min­ver­ga­ben ver­mei­den – even­tu­ell mit der Opti­on, alter­na­tiv vir­tu­el­le Bera­tungs­lö­sun­gen in Anspruch zu neh­men. So kann die nun­mehr eta­blier­te Video­kon­fe­renz bei­be­hal­ten wer­den, ergänzt um vir­tu­el­le Pro­dukt­prä­sen­ta­tio­nen mit­hil­fe von Aug­men­ted-Rea­li­ty-Anwen­dun­gen. „Hil­fe zur Selbst­hil­fe“ über zumeist vor­han­de­ne, aber durch Kun­den oft noch wenig inten­siv genutz­te Self-Ser­vice-Platt­for­men kann bei der Gele­gen­heit gleich mit ver­mit­telt wer­den.

Ob aller­dings tat­säch­lich Bestre­bun­gen umge­setzt wer­den soll­ten, auf Kun­den­cen­ter vor Ort ganz zu ver­zich­ten, scheint aus Kun­den­sicht ange­sichts der Kri­se frag­li­cher denn je, wie die Aus­füh­run­gen des fol­gen­den Abschnitts ver­deut­li­chen.

Regio­na­li­tät und Neo-Tri­bes als Maß­ga­be der Pro­dukt­ent­wick­lung

Stadt­wer­ke sind natur­ge­mäß immer schon stark auf ihre Regi­on fokus­siert und nut­zen die vor Ort gege­be­nen Mög­lich­kei­ten als Allein­stel­lungs­merk­mal im Wett­be­werb. Das Zukunfts­in­sti­tut hat ins­ge­samt vier Sze­na­ri­en gezeich­net, die Mög­lich­kei­ten auf­zei­gen, wie die Coro­na­kri­se die Welt grund­sätz­lich ver­än­dert. Die­se bie­ten einen Ori­en­tie­rungs­rah­men, die­se Zukunft aktiv mit­zu­ge­stal­ten. Eines der vier Sze­na­ri­en beruht auf posi­ti­ven Mög­lich­keits­räu­men im loka­len Kon­text, wes­halb sich die­ses Sze­na­rio zur Gestal­tung durch ein Stadt­werk anbie­tet, ohne dass zu erwar­ten ist, dass sich eines der Sze­na­ri­en in Rein­kul­tur durch­set­zen wird. Die­ses Zukunfts­sze­na­rio wird vom Zukunfts­in­sti­tut beschrie­ben als „Rück­zug ins Pri­va­te“ (z. B. unter zukunftsinstitut.de)

Durch den Lock­down ist das Bedürf­nis nach Gemein­schaft gewach­sen, wobei sehr dar­auf geach­tet wird, mit wem der All­tag geteilt wird (falls eine neue Kri­se droht). Men­schen besin­nen sich auf klei­ne Gemein­schaf­ten – soge­nann­te Neo-Tri­bes. Nach­hal­tig­keit und Wir-Kul­tur sind wich­ti­ge Wer­te, die lokal gedacht wer­den. Die Angst vor Anste­ckung hat einen Rück­zug ins Pri­va­te und die Wie­der­ent­de­ckung der Häus­lich­keit beflü­gelt. An Ver­an­stal­tun­gen nimmt man vir­tu­ell teil. Digi­ta­li­sie­rung hat den All­tag durch­drun­gen. Nach­bar­schafts­hil­fe im Rah­men fes­ter Struk­tu­ren besitzt hohe Attrak­ti­vi­tät, die Sharing Eco­no­my gewinnt in regio­na­len Netz­wer­ken neue Rele­vanz. Auf hil­fe­be­dürf­ti­ge Men­schen wird beson­de­re Rück­sicht genom­men und es hel­fen die, die kei­ner Risi­ko­grup­pe ange­hö­ren. Der Aus­fall glo­ba­ler Han­dels­ket­ten hat eine „Re-Regio­na­li­sie­rung“ bewirkt. Die Kri­se hat die Auf­merk­sam­keit für die unmit­tel­ba­re Umge­bung geschult, was zu einem Come­back des loka­len Her­stel­lens und Han­delns geführt hat. Kun­den legen Wert auf regio­na­le Erzeug­nis­se. Gut auf­ge­stell­te regio­na­le Gemein­schaf­ten bil­den auto­no­me Öko­sys­te­me. Kreis­lauf­wirt­schaf­ten ist nor­mal gewor­den. Men­schen zie­hen ver­merkt aufs Land oder in klei­ne­re Gemein­den, wo Selbst­ver­sor­gung gelebt wer­den kann. In der Kri­se wur­de vie­len bewusst, wie unge­sund städ­ti­sche Lebens­räu­me waren. Fahr­rä­der oder E‑Roller sind das Fort­be­we­gungs­mit­tel der Wahl, der ÖPNV wird eher gemie­den. Home­of­fice und ande­re New Work-Trends haben sich durch­ge­setzt.

Ein sol­ches Sze­na­rio aktiv mit­zu­ge­stal­ten bedingt Ver­än­de­run­gen im Leis­tungs­an­ge­bot eines Stadt­werks. Denk­ba­re Ansät­ze und damit ver­bun­de­ne Fra­ge­stel­lun­gen könn­ten bei­spiels­wei­se sein:

Ange­bot regio­na­ler Pro­duk­te: Steigt die Nach­fra­ge nach Regio­nal­strom­pro­duk­ten stär­ker als bis­her? Sind dazu ent­spre­chen­de Zer­ti­fi­ka­te not­wen­dig – oder sind die­se ver­zicht­bar, weil das Ver­trau­en in das Stadt­werk – und sei­ne Part­ner – aus­rei­chend groß sind? Gewinnt die Block­chain an Bedeu­tung, um die Her­kunft des Stroms nach­zu­wei­sen?

Aut­ar­kie­an­ge­bo­te: Wol­len Kun­den ihre Unab­hän­gig­keit von Drit­ten durch dezen­tra­le Ener­gie­ver­sor­gungs­lö­sun­gen wei­ter stär­ken und zu selbst­ver­sorg­ten Pro­sumern wer­den? Ste­hen dabei mög­li­cher­wei­se, wie Horx in sei­nem Bei­trag als eine Zukunfts­the­se for­mu­liert, nicht mehr „Preis und Effi­zi­enz“, son­dern „Resi­li­enz und Varia­bi­li­tät“ im Fokus?

Schaf­fen von Com­mu­nities: Kann eine sol­che Selbst­ver­sor­gung auf Quar­tie­re oder Nach­bar­schaf­ten aus­ge­wei­tet wer­den? Sind Ener­gie­ver­sor­gungs- und Mobi­li­täts­leis­tun­gen je nach Bedarf im Quar­tier tausch­bar („Gibst Du mir an hel­len Tagen einen Teil Dei­ner Strom­an­tei­le aus der PV-Anla­ge, dann gebe ich Dir an win­di­gen Tagen einen Teil mei­ner Strom­an­tei­le aus der ver­ti­ka­len Wind­an­la­ge des Quar­tiers“)?

Indi­vi­du­el­le und öko­lo­gi­sche Mobi­li­täts­lö­sun­gen: Bewe­gen sich Men­schen zukünf­tig über­wie­gend inner­halb ihrer Nach­bar­schaft, was das eige­ne Fahr­zeug noch ent­behr­li­cher macht? Wer­den damit Sharing-Lösun­gen attrak­ti­ver? Wird der ÖPNV die Hygie­neer­war­tun­gen der Nut­zer befrie­di­gen kön­nen – oder ver­schiebt sich die Nut­zung von Mas­sen­trans­port­mit­teln hin zu indi­vi­du­el­len On-Demand-Lösun­gen auf öko­lo­gi­scher Basis?

Koope­ra­ti­ven mit loka­len Part­nern: Las­sen sich Koope­ra­tio­nen mit Hand­werks-unter­neh­men und Dienst­leis­tern wie Auto­häu­sern vor Ort gestal­ten, um Ange­bo­te aus einer Hand rund um E‑Mobilitätslösungen zu machen? Wer­den ganz­heit­li­che „Rund ums Haus“-Lösungen über digi­ta­le Platt­for­men eines Stadt­werks ange­bo­ten, mit der sogar der All­tags­ein­kauf mög­lich wird („Con­cier­ge-Ser­vices“)?

Wie­der­be­le­gung des Smart Home: Wer­den Smart Home-Anwen­dun­gen, mit denen sich Ener­gie­ver­sor­ger schon seit lan­ger Zeit befas­sen, durch zusätz­li­che Anwen­dun­gen rund um Online- und Lie­fer­diens­te attrak­ti­ver, mit denen sicher­ge­stellt wer­den kann, dass auch in der Kri­se alle benö­tig­ten Güter zuver­läs­sig gelie­fert wer­den? Was kann und will ein Stadt-werk mit sei­nen Part­nern hier anbie­ten – mög­li­cher­wei­se als ein Bestand­teil eines Pro­dukt­bau­kas­tens?

Fokus auf geför­der­te Leis­tungs­an­ge­bo­te: Wer­den nun ver­stärkt Leis­tun­gen ent­wi­ckelt und ange­bo­ten, die zum Bei­spiel im Rah­men des Kli­ma­schutz­pa­kets der Bun­des­re­gie­rung geför­dert wer­den – wie der Aus­tausch von Ölhei­zun­gen in um-welt­freund­li­che Alter­na­ti­ven, die durch eine hohe För­der­quo­te für den Kun­den preis­lich attrak­tiv wer­den? Und die dem Wunsch nach öko­lo­gi­schem Han­deln gerecht wer­den?

Eta­blie­rung modu­la­rer Pro­dukt­an­ge­bo­te: Über­lässt man dem Kun­den die Ver­ant­wor­tung, sich sei­ne Pro­duk­te so zu gestal­ten, wie die­se es für rich­tig hal­ten („Do it yourself“)? Ent­ste­hen dadurch fle­xi­ble Bün­de­l­an­ge­bo­te? Auch mit wei­te­ren Dienst­leis­tern vor Ort?

Fort­füh­rung sozia­ler Inno­va­tio­nen: Kann man als Stadt­werk wäh­rend der Kri­se ein­ge­führ­te Akti­vi­tä­ten (wie finan­zi­el­le Hil­fen zur Stär­kung des loka­len Han­dels oder für Men­schen, die ande­re bei Auf­ga­ben wie Ein­käu­fen, Trans­port­fahr­ten oder Online-Nach­hil­fe­kur­sen unter­stüt­zen) in das „New Nor­mal“ über­neh­men? Gibt es dafür eine Zah­lungs­be­reit­schaft bei Kun­den? Oder erge­ben sich dar­aus eher Ansät­ze für Kun­den­bin­dungs- und Bonus­pro­gram­me?

Ein­füh­rung von Pre­paid-Optio­nen als Mög­lich­keit, im Kun­den­cen­ter bar­geld­lo­sen Zah­lungs­ver­kehr sicher­zu­stel­len: Kann das Ange­bot eines Pre­paid-Tarifs hier sinn­voll sein, gege­be­nen­falls als Opti­on in einem Modul­bau­kas­ten? Stellt sich alter­na­tiv die Auf­stel­lung eines Bar­ein­zah­lungs­au­to­ma­ten für ein ein­zel­nes Stadt­werk als wirt­schaft­lich dar?

Neo-Öko­lo­gie“ als mäch­tigs­ter Mega­trend

Nach wie vor gilt, dass der Nicht-Ver-brauch von Res­sour­cen der bes­te Weg ist, Kli­ma­schutz zu betrei­ben. Dazu hat uns Coro­na ver­hol­fen: Auch wenn im Home­of­fice mehr Strom durch pri­va­te Haus-hal­te ver­braucht wur­de, konn­ten die­se Ent­wick­lun­gen durch Min­der­ver­bräu­che bei den gewerb­li­chen und indus­tri­el­len Ver­brau­chern mehr als kom­pen­siert wer­den. Der Rück­gang im Ver­kehr, bei Rei­sen und im Kon­sum hat ein Übri­ges getan, die Emis­sio­nen von Treib­haus­ga­sen und Luft­schad­stof­fen deut­lich zu sen­ken. Aller­dings wohl nur vor­über­ge­hend, da sich dar­aus kei­ne struk­tu­rel­len Ver­än­de­run­gen in Wirt­schaft, Ver­kehrs­we­sen oder Ener­gie­ver­sor­gung ablei­ten las­sen.

Kann das ein Ansatz für Stadt­wer­ke sein? Vie­le Men­schen haben die sau­be­re Luft in der Stadt oder die Stil­le genos­sen, als kei­ne Flug­zeu­ge in der Luft waren. Und damit schät­zen gelernt, dass Ver­zicht auch posi­ti­ve Kon­se­quen­zen mit sich brin­gen kann. Nun ist nicht klar, ob das alles nach Coro­na wie­der den frü­he­ren Level erreicht, oder ob Nach­hal­tig­keit und Ent­schleu­ni­gung stär­ker an Bedeu­tung gewin­nen. Ver­mut­lich wird für die einen gel­ten: Zurück zu alten Gewohn­hei­ten – wäh­rend sich ande­re stär­ker hin­ter­fra­gen und zu dem Schluss kom­men wer­den, bewuss­ter mit Res­sour­cen und ihrer eige­nen Gesund­heit umge­hen zu wol­len. Die Auf­ge­schlos­sen­heit ein­zel­ner Kun­den­grup­pen einer sol­chen Aus­rich­tung bezie­hungs­wei­se sol­chen Ange­bo­ten gegen­über dürf­te zumin­dest für den Moment gestie­gen sein. So bezeich­net das Zukunfts­in­sti­tut „Neo-Öko­lo­gie“ als mäch­tigs­ten Mega­trend.

Mög­li­cher­wei­se führt das zu Über­le­gun­gen, das bei vie­len Stadt­wer­ken schon auf der Agen­da befind­li­che The­ma Smart City noch stär­ker als bis­her zu bear­bei­ten – ohne smart aller­dings aus­schließ­lich auf tech­ni­sche Intel­li­genz zu bezie­hen. Viel-mehr könn­ten Res­sour­cen­scho­nung, Umwelt­freund­lich­keit und Nach­hal­tig­keit und damit das Wohl­be­fin­den der Anspruchs­grup­pen einer Stadt (Bür­ger und Bür­ge­rin­nen, Unter­neh­men) im Fokus ste­hen. Damit lie­ße sich qua­si eine Klam­mer um vie­le Ange­bo­te bil­den, die ein Stadt­werk eh schon im Ange­bot hat – und das sich mit loka­len Part­nern auch in ande­ren Fel­dern sinn­voll erwei­tern lässt.

Fazit

Auch wenn tat­säch­lich nie­mals klar ist, wie sich die Zukunft ent­wi­ckeln wird, kann man als Stadt­werk ver­su­chen, die­se zu anti­zi­pie­ren und zu gestal­ten. Sze­na­ri­en, wie sie zum Bei­spiel durch das Zukunfts­in­sti­tut nach bezie­hungs­wei­se durch die con|energy unter­neh­mens­be­ra­tung auch schon vor Coro­na gezeich­net wur­den, kön­nen einem Stadt­werk dabei Ori­en­tie­rung geben. Zu erwar­ten ist, dass Kri­sen wie die­se Pan­de­mie – die ja zudem noch gar nicht über­wun­den ist – jeder­zeit wie­der auf­tre­ten kön­nen und wohl auch wer­den.

Nun ist die Zeit, Ana­ly­sen vor­zu­neh­men und zukünf­ti­ge Risi­ken durch ent­spre­chen­de Vor­keh­run­gen beherrsch­bar zu machen. Aber auch Chan­cen, die die Kri­se her­vor­ge­bracht hat oder noch her­vor­brin­gen wird, soll­ten geprüft und genutzt wer­den. Etli­che Ent­wick­lun­gen, wie zum Bei­spiel die „Re-Regio­na­li­sie­rung“, dürf­ten einem Stadt­werk in die Hän­de spie­len“. Aber auch das The­ma Digi­ta­li­sie­rung soll­ten Stadt­wer­ke nach die­ser Gene­ral­pro­be nun deut­lich bes­ser beherr­schen. Dar­aus las­sen sich viel­fäl­ti­ge Ansät­ze ablei­ten, wie damit umge­gan­gen wer­den kann. Die con|energy unter­neh­mens­be­ra­tung unter­stützt dabei ger­ne im gesam­ten Pro­zess.

Dr. Heike Hahn

Dr. Heike Hahn

Partner
con|energy unternehmensberatung
hahn@conenergy.com

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