Wenn zwei nicht mehr das Glei­che tun …“: Was bedeu­tet der E.ON-RWE-Deal für Stadt­wer­ke?

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Wie sieht der Deal aus?

Nach­dem sich E.ON und RWE erst 2016 orga­ni­sa­to­risch neu auf­ge­stellt haben, indem bei­de jeweils ihr kon­ven­tio­nel­les Erzeu­gungs­ge­schäft von Netz, Ver­trieb und Erneu­er­ba­ren sepa­riert haben, wur­de nun klamm­heim­lich der nächs­te gro­ße Umbruch vor­be­rei­tet und Mit­te März ver­kün­det: E.ON erwirbt von RWE deren 76,8 Pro­zent-Anteil an inno­gy. Den Min­der­heits­ak­tio­nä­ren von inno­gy unter­brei­tet E.ON ein frei­wil­li­ges öffent­li­ches Über­nah­me­an­ge­bot. Zudem bekommt E.ON 1,5 Mil­li­ar­den Euro von RWE.

RWE bekommt im Tausch alle wesent­li­chen erneu­er­ba­ren Ener­gie­ak­ti­vi­tä­ten von E.ON und das erneu­er­ba­re Ener­gie­ge­schäft von inno­gy, eine Min­der­heits­be­tei­li­gung von 16,67 Pro­zent an der neu­en E.ON sowie wei­te­re Assets. Den Abschluss der Trans­ak­ti­on erwar­ten bei­de Unter­neh­men bis Ende des Jah­res 2019. Damit wür­de sich in kla­rer Abgren­zung E.ON um Ver­trieb und Netz und RWE um erneu­er­ba­re und kon­ven­tio­nel­le Erzeu­gung küm­mern.

E.ON wird dann aus­schließ­lich auf Down­stream-Akti­vi­tä­ten set­zen und Erlö­se (a) aus der ver­trieb­li­chen Kun­den­be­zie­hung zu rund 50 Mil­lio­nen euro­päi­schen Kun­den bezie­hen und (b) aus dem regu­lier­ten Netz­ge­schäft. RWE wird mit CO2-frei­en Erzeu­gungs­ka­pa­zi­tä­ten in Höhe von rund acht Giga­watt zur Num­mer drei in Euro­pa im Geschäft mit erneu­er­ba­ren Ener­gi­en ins­ge­samt und zur Num­mer zwei bei der Wind­kraft. Zudem wird RWE etwa 46 Giga­watt in der kon­ven­tio­nel­len Erzeu­gung auf sich ver­ei­nen.

Was bedeu­tet das für den Markt?

Klar ist, dass der Deal der schon lan­ge erwar­te­te Start­schuss zu wei­te­ren Kon­so­li­die­run­gen im Markt sein wird. Hier gilt es, Posi­ti­on zu bezie­hen. Die Spe­zia­li­sie­rung der bei­den neu­en Anbie­ter wür­de – Zustim­mung durch die Wett­be­werbs­hü­ter vor­aus­ge­setzt – bei­de in die Lage ver­set­zen, sich auf ihre Dis­zi­pli­nen zu kon­zen­trie­ren. E.ON müss­te aus der Posi­ti­on her­aus ver­trieb­lich in Pro­zess­ex­zel­lenz sowie neue Ange­bo­te inves­tie­ren. Zuneh­mend daten­ge­trie­ben wer­den die­se Ange­bo­te dazu füh­ren, Kun­den indi­vi­du­el­le und bedarfs­ge­rech­te Lösun­gen anzu­bie­ten.

Frag­lich ist, inwie­weit eine E.ON in der Lage sein wird, sich als „inno­va­ti­ves Schnell­boot“ auf­zu­stel­len und ent­spre­chen­de Struk­tu­ren zu schaf­fen – zumal die neue E.ON sich aus zwei (bereits für sich genom­men ver­meint­lich zu per­so­nal­star­ke) Unter­neh­men effi­zi­ent for­men muss und durch den Inte­gra­ti­ons­pro­zess noch lan­ge mit sich selbst – und auch den kom­mu­na­len Part­nern – beschäf­tigt sein dürfte.Darüber hin­aus ist unge­wiss, ob durch die Erwei­te­rung des Netz­ge­schäfts – allen vor­an durch die Über­nah­me der West­netz – zusätz­li­che Syn­er­gi­en ent­ste­hen, zumal bereits die heu­ti­gen VNB bei­der Häu­ser gute Effi­zi­enz­wer­te vor­wei­sen und sich bei­spiels­wei­se e.dis, ava­con, han­se­werk und bay­ern­werk gemein­schaft­lich dort orga­ni­sie­ren, wo dies wirt­schaft­lich sinn­voll ist.

Für RWE ist der nun­mehr gebün­del­te und damit grö­ße­re Markt­an­teil in der Erzeu­gung erneu­er­ba­rer Ener­gi­en auch kein Erfolgs­ga­rant. Inves­ti­tio­nen in dezen­tra­le Ener­gi­en erfol­gen nach wie vor mehr­heit­lich aus vie­len pri­va­ten Hän­den – bewie­se­ner­ma­ßen funk­tio­nie­rend und ohne gro­ßen Büro­kra­tie­ap­pa­rat im Hin­ter­grund.
In der kon­ven­tio­nel­len Erzeu­gung gewinnt RWE deut­lich an Markt­macht. Aus die­ser Posi­ti­on her­aus las­sen sich poli­ti­sche Dis­kus­sio­nen zur Aus­ge­stal­tung der recht­li­chen Rah­men­be­din­gun­gen zur Strom­erzeu­gung sicher­lich in ande­rer Wei­se als in der Ver­gan­gen­heit füh­ren.

Unterm Strich schafft der Deal für RWE neben dem kon­ven­tio­nel­len Erzeu­gungs­ge­schäft eine stra­te­gi­sche Per­spek­ti­ve nach vor­ne, die aber auch nicht ohne Anspruch ist: Noch ist kon­ven­tio­nell mehr und vor allem ein­fa­cher Geld zu ver­die­nen als mit dem klein­tei­li­gen Erneu­er­ba­ren-Geschäft. Das eine Geschäft stirbt, das ande­re muss erfolg­reich auf­ge­baut wer­den. Für bei­de neu­en Play­er gilt: Auch wenn E.ON und RWE ihre Akti­vi­tä­ten jetzt spe­zia­li­sier­ter aus­rich­ten zeich­nen sich auch jetzt schon ers­te, neue Frik­tio­nen ab. Bei­spiels­wei­se wer­den bei­de das PV-Geschäft für sich rekla­mie­ren – der eine unter der Über­schrift Kun­den­lö­sung, der ande­re als Form der dezen­tra­len Erzeu­gung.

Wor­in liegt die Her­aus­for­de­rung für Stadt­wer­ke, wenn der Deal Rea­li­tät wird?

Aus unse­rer Sicht dürf­te es abge­se­hen von zuvor erwähn­ten poli­ti­schen Lob­by­ar­beit und stär­ke­ren EE-Posi­ti­on sei­tens RWE v. a. die neue Posi­ti­on von E.ON sein, die den Stadt­wer­ken zu schaf­fen machen wird.

Aller­dings: Die aus dem Vor­ha­ben resul­tie­ren­den Kon­se­quen­zen schla­gen zunächst ein­mal in die glei­che Ker­be, die bereits seit Jah­ren rund um den Mega­trend Digi­ta­li­sie­rung dis­ku­tiert wird. Das dürf­te sich ver­schär­fen. Der Deal wird für mehr Tem­po im Markt sor­gen und eine noch stär­ke­re Aus­ein­an­der­set­zung mit der eige­nen Posi­ti­on und Abgren­zung erfor­dern. Blin­des Nach­ei­fern – wem auch immer – wird nicht funk­tio­nie­ren.

Im Ver­trieb

Von Allein­stel­lungs­merk­ma­len ein­zel­ner Stadt­wer­ke wird dabei zunächst weni­ger die Rede sein, viel­mehr geht es um die Abgren­zung von regio­na­len Stadt­wer­ken und klei­ne­ren Ver­triebs­ge­sell­schaf­ten zu einem Ver­triebs­rie­sen, der sich allein auf­grund sei­ner Grö­ße Wett­be­werbs­vor­tei­le ver­schaf­fen kann.

Die Men­ge an Kun­den führt zu Ska­len­ef­fek­ten, die ande­re Anbie­ter allei­ne nie­mals erzie­len kön­nen. So kön­nen klei­ne­re Anbie­ter hier ins Hin­ter­tref­fen gera­ten.
Inves­ti­tio­nen in neue Sys­te­me und inno­va­ti­ve, kun­den­ori­en­tier­te Lösun­gen wer­den zukünf­tig Vor­aus­set­zung sein, um Kun­den­be­dürf­nis­se zu befrie­di­gen und das eine das ande­re bedin­gen. Einen gewis­sen Digi­ta­li­sie­rungs­grad wird daher jeder Anbie­ter unab­hän­gig von sei­ner Grö­ße vor­wei­sen müs­sen.

Wird sich der Preis­wett­be­werb noch wei­ter ver­schär­fen? Sicher­lich. Zwar ist Stand heu­te bei­spiels­wei­se noch gar nicht ent­schie­den, ob E wie Ein­fach und epri­mo zur neu­en E.ON über­ge­hen kön­nen, aber unab­hän­gig von der Struk­tur, aus der das Geschäft gemacht wird, ist klar, dass die neue E.ON die Kun­den aller Seg­men­te, die „nur“ preis­güns­tig Ener­gie (Strom oder Gas) bezie­hen wol­len, bedie­nen wird. Vor­stell­bar ist bei­spiels­wei­se, dass – in Ana­lo­gie zu ande­ren Bran­chen mit Ungleich­ge­wich­ten im Kreis der Markt­ak­teu­re – die neue E.ON sehr gezielt ein­zel­ne Ver­triebs­ge­bie­te atta­ckie­ren wird und die regio­na­len Play­er dabei in Bedräng­nis brin­gen kann.

Neben der Com­mo­di­ty wird E.ON das Geschäft mit auf Strom und Gas auf­set­zen­den inno­va­ti­ven Diens­ten und Ser­vices in den Blick neh­men – wie auch immer das aus­se­hen mag. Eine neue E.ON dürf­te sich im Markt in die­sem Bereich nicht preis­güns­ti­ger auf­stel­len, als dies ein Stadt­werk mit ver­gleich­ba­rer Posi­tio­nie­rung tut. Dazu ist das Schiff E.ON auch schon heu­te mehr Tan­ker als wen­di­ges Schnell­boot mit der gro­ßen Besat­zungs­stär­ke und der IT-Tech­no­lo­gie, die benö­tigt wird.

Im Netz

Im Netz wird es aus Bril­le der Stadt­wer­ke einen Ver­bund über­mäch­ti­ger Ver­teil­netz­be­trei­ber aus dem E.ON-Konzern geben, der in der Lage sein wird, die Ver­hand­lun­gen mit Poli­tik und Regu­lie­rer zu bestim­men. Ander­seits hat hier die Sum­me der Stadt­wer­ke und Regio­nal­ver­tei­ler (so denn gut orga­ni­siert) auch wei­ter­hin Gewicht – und eine gänz­lich neue Dimen­si­on von Syn­er­gi­en über die E.ON-Unternehmen ist im regio­nal gepräg­ten VNB-Geschäft eher nicht zu erwar­ten.  Span­nend wird sein, ob der Wett­be­werb um Kon­zes­sio­nen hier nicht neu ent­facht wird. Für den Moment jeden­falls wird noch nicht klar, ob im Rah­men der Deal-Struk­tu­rie­rung auf den Stra­te­gie­flu­ren bei E.ON und RWE schon ein kla­res Bild ent­wi­ckelt wur­de, wie vie­le Kon­zes­si­ons­ge­ber z. B. aus dem West­netz-Umfeld Chan­ge-of-Con­trol- Klau­seln zie­hen kön­nen und wer­den. Da soll­ten sich Stadt­wer­ke und Regio­nal­ver­sor­ger in Stel­lung brin­gen.

Gene­rell

Glei­ches gilt für die voll­in­te­grier­ten Stadt­wer­ke-Struk­tu­ren, an denen inno­gy heu­te betei­ligt ist. Das kann sowohl für die Mehr­heits­be­tei­li­gun­gen wie envi­aM und Lech­wer­ke, die ihrer­seits eine Ver­hand­lungs­po­si­ti­on gegen­über den Kar­tell­be­hör­den vor­wei­sen kön­nen, von Bedeu­tung sein, als auch die zahl­rei­chen Stadt­wer­ke-Min­der­heits­be­tei­li­gun­gen, die über eine Chan­ge-of-Con­trol-Klau­sel ver­fü­gen. DSW21, Stadt­wer­ke Essen und Stadt­wer­ke Neuss haben sol­che Prüf­schrit­te lt. ener|gate vom 22.03.2018 bereits ange­kün­digt.

Chan­cen für Stadt­wer­ke?

Ver­trieb­lich muss es Stadt­wer­ken gelin­gen, sich in der Zeit, in der sich E.ON umrüs­tet, zu posi­tio­nie­ren und mit Blick auf die eige­nen Fähig­kei­ten für den Kun­den „hübsch zu machen“. Das bedeu­tet, sich selbst klar zu machen, „wohin die Rei­se geht“: Was will der Kun­de in fünf oder zehn Jah­ren? Wer­den die­sen alle tech­no­lo­gi­schen Errun­gen­schaf­ten, die bis dahin abzu­se­hen sind, inter­es­sie­ren? Erwar­tet der Kun­de eine dar­auf basie­ren­de Lösung, die er viel­leicht in ande­ren Bran­chen bereits vor­fin­det? Wo kann man gegen­über einer spe­zia­li­sier­ten E.ON mit einem regio­na­len und wert­schöp­fungs­über­grei­fen­den Blick (beschränkt durch Unbund­ling-Vor­ga­ben) für den Kun­den rele­van­te Stär­ken eines Stadt­werks aus­spie­len?

Im Netz gehö­ren für jedes Stadt­werk die Haus­auf­ga­ben zur Effi­zi­enz­stei­ge­rung gemacht. Dass dazu die Orga­ni­sa­ti­on einer betriebs­op­ti­ma­len Grö­ße gehört, ist im Prin­zip nichts Neu­es, wird durch die neue Markt­struk­tur jedoch immer dring­li­cher. Chan­cen bestehen über­all dort, wo Ver­teil­net­ze aus dem inno­gy-Deal her­aus über­nom­men oder mit bestimm­ten Dienst­leis­tun­gen flan­kiert wer­den kön­nen.

Gene­rell ent­steht viel Bewe­gung im ener­gie­wirt­schaft­li­chen Markt­ge­fü­ge. Unab­hän­gig von der Fra­ge, ob selbst inno­gy-Unter­neh­men oder nicht: Jedes EVU ist gut bera­ten, die eige­ne Wachs­tums- und M&A-Strategie vor die­sem Hin­ter­grund des inno­gy-Deals zu prü­fen.

Wie kann con|energy unter­stüt­zen?

Wir als con|energy unter­neh­mens­be­ra­tung arbei­ten mit Ihnen die Kon­se­quen­zen des Deals für Ihr Unter­neh­men her­aus und struk­tu­rie­ren mit Ihnen die wei­te­re Vor­ge­hens­wei­se. Wir ver­fü­gen in der Bran­che über ein umfas­sen­des Netz­werk mit ande­ren Stadt­wer­ken und Dienst­leis­tern. Soll­te ein Weg über Part­ner­schaf­ten füh­ren, sind wir daher eben­falls die ers­te Wahl bei der Wahl des pas­sen­den Part­ners.

Erschie­nen im con­en­er­gy News­let­ter Aus­ga­be 41 (April 2018).

Ron Keßeler

Ron Keßeler

Geschäftsführer
con|energy unternehmensberatung
kesseler@conenergy.com

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